Europa im Wandel - Kompetenzen, Jobs und KI
„Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten“ – mit diesem Zitat von Charles Dickens eröffnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch, 16. September 2026, ihre Rede zur Lage der Europäischen Union vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. Die jährliche Rede zur Lage der Europäischen Union, kurz SOTEU nach der englischen Bezeichnung „State of the European Union“, zieht Bilanz über das vergangene Jahr und stellt die wichtigsten Prioritäten der Europäischen Union (EU) für das kommende Jahr vor. Der literarische Vergleich verweist auf eine Phase tiefgreifender Veränderungen: Europa steht vor Herausforderungen durch die hohe Geschwindigkeit der digitalen und technologischen Entwicklung sowie durch ein zunehmend unsicheres und rasch wandelndes geopolitisches Umfeld.
Innovation als Zukunftsinvestition
Investitionen in neue Technologien, Innovation und Forschung sollen weiter vorangetrieben werden. Laut der Rede kann jeder Euro, der in das EU-Forschungsprogramm Horizon Europe investiert wird, der europäischen Wirtschaft bis 2045 einen Ertrag von bis zu elf Euro bringen. Europas Fähigkeit, eigenständig zu handeln und wettbewerbsfähig zu bleiben, hängt dabei auch davon ab, dass neue Technologien nicht nur in Europa eingesetzt, sondern auch hier entwickelt und produziert werden. Von der Leyen verwies auf mehrere von der Europäischen Kommission unterstützte Initiativen.
- Die InvestAI-Initiative soll öffentliche und private Investitionen in Höhe von 200 Milliarden Euro mobilisieren.
- Die ApplyAI-Strategie soll europäische Unternehmen dabei unterstützen, Künstliche Intelligenz (KI) in wichtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen einzusetzen und deren Potenziale zu nutzen – von der fortschrittlichen Fertigung bis zum Gesundheitswesen.
Parallel dazu wird die digitale Infrastruktur in Europa ausgebaut. 19 sogenannte KI-Fabriken haben bereits ihre Arbeit aufgenommen. Ende September 2026 endet zudem die Ausschreibung für die ersten europäischen KI-Gigafabriken. Sie sollen die benötigte Recheninfrastruktur erweitern, um besonders leistungsfähige KI-Modelle zu trainieren und die Skalierung von Innovationen zu unterstützen.
Kompetenzen für den digitalen Wandel
Wirtschaftlicher Fortschritt und soziale Rechte müssen in Europa laut von der Leyen Hand in Hand gehen. Initiativen der Europäischen Kommission sollen deshalb nicht nur wirtschaftlichen Wohlstand fördern, sondern auch die Menschen dabei unterstützen, mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters umzugehen.
- Im Rahmen von NextGenerationEU, dem bislang größten EU-Budgetprogramm dieser Art, wurden bereits mehr als 440 Milliarden Euro ausbezahlt. Nach Angaben in der Rede kamen dadurch mehr als 3,5 Millionen Europäerinnen und Europäer direkt in Beschäftigung.
- Auch die von der Kommissionspräsidentin gestartete Union of Skills, die europäische Strategie für Kompetenzen, spielt dabei eine zentrale Rolle. Mehr als zehn Millionen Menschen haben demnach von Maßnahmen zur Weiterqualifizierung und Umschulung profitiert. Allein 2025 waren es 3,9 Millionen.
- Mit der geplanten Skills Guarantee, einer Kompetenzgarantie für Beschäftigte, sollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gezielt bei der Umschulung unterstützt werden. Dadurch soll der Wechsel aus Branchen, die besonders stark von den Veränderungen durch die digitale Transformation betroffen sind, in strategisch wichtige Bereiche mit Fachkräftebedarf erleichtert werden. Damit verbunden sind weitere Investitionen in Weiterbildung und Umschulung. Gleichzeitig sollen Unternehmen dabei unterstützt werden, Arbeitsplätze an den zunehmenden Einsatz von KI anzupassen.
- Ein weiterer Baustein ist die Quality Jobs Roadmap, der europäische Fahrplan für hochwertige Arbeitsplätze. Sie soll faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen, hohe Standards bei Gesundheit und Sicherheit sowie einfachere Übergänge zwischen Arbeitsplätzen und Branchen unterstützen. Darauf soll der geplante Quality Jobs Act, ein Rechtsakt für hochwertige Arbeitsplätze, aufbauen. Ziel ist es, Wettbewerbsfähigkeit und den Schutz von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern miteinander zu verbinden und dadurch die allgemeine Widerstandsfähigkeit Europas zu stärken.
Kompetenzen als wichtiger Teil einer breiten Agenda
Kompetenzen waren in der Rede Teil einer umfassenderen Agenda für ein stärkeres und unabhängigeres Europa. Von der Leyen thematisierte darüber hinaus Wettbewerbsfähigkeit und industrielle Kapazitäten, Investitionen und Innovation, leistbare saubere Energie, stärkere europäische Technologiekapazitäten, Sicherheit und Verteidigung, die Unterstützung der Ukraine, Klimaresilienz, Migration, Wohnen sowie den Schutz von Demokratie und Grundrechten. Über diese Themen hinweg stellte die Rede einen Zusammenhang zwischen Europas Wettbewerbs- und Anpassungsfähigkeit und der Frage her, wie technologische Veränderungen in Chancen für Menschen und Regionen übersetzt werden können.
Dieser Beitrag beruht auf einem Artikel von Galina Misheva, der auf der Europäischen Plattform für Digitale Skills und Jobs am 22. September 2026 veröffentlicht wurde.