Arbeitswelt im Wandel: neue Kompetenzen entscheidend
Die Welt verändert sich derzeit in beispielloser Geschwindigkeit. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und demografische Verschiebungen prägen Wirtschaft und Gesellschaft in Europa zunehmend. Der „Future of Jobs Report 2025“ des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum, WEF) erscheint in einer Phase tiefgreifender Transformation der Arbeitswelt und beleuchtet ein paradoxes Dilemma: Gesellschaft und Wirtschaft müssen sich auf eine Zukunft vorbereiten, die bereits begonnen hat – während gleichzeitig unklar ist, ob die vorhandenen Kompetenzen den neuen Anforderungen gerecht werden.
Der Bericht basiert auf Befragungen von mehr als 1.000 großen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern weltweit, die zusammen über 14 Millionen Beschäftigte in 22 Branchen und 55 Ländern repräsentieren.
Kompetenzlücke als größte Hürde
In der Europäischen Union sind die Folgen dieser Entwicklung bereits sichtbar. Laut dem Bericht „State of the Digital Decade 2025“ der Europäischen Kommission stellen Kompetenzlücken das größte Hindernis für die digitale und ökologische Transformation dar. Besonders der Mangel an Fachkräften im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) bremst Innovation.
Auch der WEF-Bericht bestätigt diesen Trend: 63 Prozent der befragten Unternehmen sehen fehlende Kompetenzen als größte Herausforderung für ihre Transformation. Gleichzeitig verändert sich die Art und Weise, wie Kompetenzen bewertet werden müssen.
Neues Kompetenzmodell und veränderte Anforderungen
Wenn technologische Anforderungen rasant wachsen, müssen auch Kompetenzmodelle entsprechend angepasst werden. Politische Initiativen greifen diese Entwicklung bereits auf. Das Joint Research Centre der Europäischen Kommission hat kürzlich die Version 3.0 des Digital Competence Framework (DigComp) veröffentlicht und damit den Begriff digitaler Kompetenzen neu definiert. Auch Analysen von Cedefop, der europäischen Agentur für Berufsbildungsentwicklung, zeigen einen strukturellen Wandel. Der Arbeitsmarkt entfernt sich zunehmend von routinemäßigen Tätigkeiten und verlangt stärker nach analytischem Denken, technologischer Kompetenz und lebenslangem Lernen.
Besonders gefragt bleibt analytisches Denken: Rund 70 Prozent der Unternehmen betrachten diese Fähigkeit laut WEF-Report als zentral. Ebenfalls an Bedeutung gewinnen Resilienz, Flexibilität, Agilität sowie Führungskompetenz und sozialer Einfluss.
Optimistische Signale und strukturelle Probleme
Auf den ersten Blick zeichnet der Bericht ein positives Bild. Die globale Arbeitslosenquote liegt mit knapp fünf Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 1991. Gleichzeitig haben sich die Investitionen in Künstliche Intelligenz seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 verachtfacht. Auch die Nachfrage nach Kompetenzen im Bereich Generative AI wächst stark. Daten der Online-Lernplattform Coursera zeigen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte:
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Einzelne Lernende konzentrieren sich vor allem auf Grundlagen wie Prompt Engineering, verantwortungsvollen Einsatz von KI und strategische Entscheidungsprozesse.
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Unternehmen setzen in ihren Schulungen stärker auf praxisnahe Anwendungen, etwa Produktivitätssteigerung, Automatisierung einfacher Aufgaben oder den Einsatz KI-gestützter Tools.
Gleichzeitig bleibt ein strukturelles Problem bestehen: Während die allgemeine Arbeitslosigkeit niedrig ist, liegt die Jugendarbeitslosigkeit in der EU-27 weiterhin bei rund 13 Prozent.
Umschulung wird zur globalen Aufgabe
Der steigende Kompetenzbedarf wird massive Weiterbildungsanstrengungen erfordern. Wenn die weltweite Erwerbsbevölkerung aus 100 Personen bestünde, müssten 59 von ihnen bis 2030 weiter- oder umgeschult werden. Zwischen 2025 und 2030 werden grundlegende wirtschaftliche Veränderungen voraussichtlich fast ein Viertel aller Arbeitsplätze betreffen. Insgesamt 22 Prozent der heutigen Tätigkeiten könnten verschwinden oder vollständig neu gestaltet werden. Gleichzeitig entstehen neue Chancen: Rund 14 Prozent der Beschäftigung könnten aus neuen Berufsfeldern hervorgehen – das entspricht etwa 170 Millionen neuen Arbeitsplätzen weltweit.
Die Ausweitung des Zugangs zu digitalen Technologien gilt laut Bericht als der wichtigste Faktor für wirtschaftliche Veränderungen bis 2030. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen erwartet, dass allein dieser Aspekt ihre Arbeitsweise grundlegend verändern wird. Weitere wichtige Technologien sind:
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Künstliche Intelligenz und Informationsverarbeitung – von 86 Prozent der Unternehmen als entscheidend bewertet
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Robotik und Automatisierung – von 58 Prozent der Unternehmen als entscheidend bewertet
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Innovationen in Energieverteilung und Energiespeicherung – von 41 Prozent der Unternehmen als entscheidend bewertet
Veränderungen am Arbeitsmarkt nicht gleichmäßig
Die Veränderungen werden den Arbeitsmarkt nicht gleichmäßig betreffen. Während einige Berufe stark wachsen, werden andere deutlich zurückgehen. Zu den am schnellsten wachsenden Tätigkeiten zählen vor allem technologiebezogene Rollen, darunter:
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Big-Data-Spezialistinnen und Big-Data-Spezialisten
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Fintech-Ingenieurinnen und Fintech-Ingenieure
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Fachkräfte für Künstliche Intelligenz und Machine Learning
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Software- und Anwendungsentwicklerinnen und -entwickler
Auch Berufe im Bereich der grünen Transformation gewinnen an Bedeutung, etwa Spezialistinnen und Spezialisten für autonome und elektrische Fahrzeuge, Umwelttechnikerinnen und Umwelttechniker sowie Ingenieurinnen und Ingenieure für erneuerbare Energien.
Technologische Entwicklungen wirken zugleich als stärkster Treiber von Arbeitsplatzveränderungen. Der Ausbau digitaler Technologien könnte 19 Millionen neue Jobs schaffen, aber auch 9 Millionen Arbeitsplätze verdrängen. Ähnliche Effekte werden durch KI und Informationsverarbeitung erwartet: etwa 11 Millionen neue Stellen, aber ebenfalls 9 Millionen verdrängte Jobs.
Welche Kompetenzen künftig zählen
Angesichts dieser Dynamik werden Kompetenzen zum entscheidenden Faktor. Besonders gefragt sind laut WEF-Report künftig:
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KI- und Big-Data-Kompetenzen
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Netzwerk- und Cybersicherheitswissen
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Technologische Grundkompetenz
Darüber hinaus gewinnen auch überfachliche Fähigkeiten an Bedeutung. Dazu zählen kreatives und kritisches Denken, Resilienz, Flexibilität und Agilität, Neugier sowie lebenslanges Lernen. Auch Führungskompetenz, Talentmanagement, analytisches Denken und Umweltverantwortung gehören zu den zehn wichtigsten Kompetenzen, deren Bedeutung bis 2030 deutlich wachsen dürfte.
Der Bericht zeigt deutlich: Die Transformation der Arbeitswelt ist bereits im Gange. Entscheidend wird sein, wie schnell Bildungssysteme, Unternehmen und Beschäftigte ihre Kompetenzen anpassen können. Die Zukunft der Arbeit ist damit nicht nur eine Frage technologischer Entwicklung – sondern auch eine Frage der Fähigkeiten, die Menschen erwerben und einsetzen.
Weiterführende Informationen
Dieser Beitrag beruht auf einem Artikel von Galina Misheva, der auf der Europäischen Plattform für Digitale Skills und Jobs am 24. Februar 2026 erstveröffentlicht wurde.